Der Stundensammler

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ (Römer 8,18)

Oftmals wird dieser Bibeltext dazu verwendet, Menschen über schwere Schicksalsschläge hinwegzutrösten. „Es dient ja alles zu deinem Besten“.

Doch mancher leidende Mensch fragt sich: Was soll an diesem Leiden gut sein? Ist Leid nicht sinnlos? Das folgende Gleichnis kann uns eine Teilantwort geben.

„Es war einmal ein weiser Mann. Der lebte in einem alten Haus inmitten eines großen Gartens. Eines Tages hörte der Mann eine Stimme: „Geh und sammle bei den Menschen die Stunden, die nicht sein sollten!“

Der Mann folgte der Stimme und lies sich überall dort hin führen, wo es Stunden gab, die nicht sein sollten. Er sammelte Stunden, in denen ein Mensch schlimmste Schmerzen aushalten musste. Er sammelte Stunden ohne Trost, Stunden, in denen das Leben eine Last war, Stunden des Zorns, Stunden der Trauer und Stunden der Einsamkeit. Der Mann sammelte sie alle ein.

Dann wanderte er zurück in seinen Garten und legte die Stunden wie Samen in die Erde. Da fiel der Regen auf die Erde, die Sonne gab ihr Licht und schließlich bedeckte der Schnee alles. Im nächsten Frühling wuchsen Blumen und Bäume, und die Menschen kamen und bestaunten alles. So einen schönen Garten hatten sie noch nie gesehen!“

Schwere Stunden, Schicksalsschläge und Leiden können in der tat Früchte in unserem Leben hervorbringen, die wir vorher nicht erahnt hätten.

Was könnte das bei mir sein? Ich bin durch leiden milder, nachsichtiger und verständnisvoller geworden. Ich kann mich durch die eigenen schmerzlichen Erfahrungen besser in Andere einfühlen, kann mitleiden und sie besser trösten. Ich habe mich besser kennen gelernt – meine Charaktereigenschaften, meine Tragfähigkeit und meine Belastungsgrenze.

Und Gott? Wo ist er in all dem, was mir widerfährt? Ein genauere Übersetzung gibt unseren Andachtstext so wieder: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zu Guten mitwirken.“ (EB) Gott schickt das Leiden nicht; es ist auch an sich nicht gut. Gott schaut auch nicht tatenlos zu, sondern kann aus all den leidvollen Erfahrungen noch etwas Gutes werden lassen. Er kann auf krummen Linien gerade schreiben.

Roland E. Fischer

Aus Andachtsbuch 2013, Adventverlag

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